Gleich befähigt, ungleich gestellt: Frauen im frühen Buddhismus
Kann eine Frau erwachen? Die ältesten buddhistischen Texte beantworten diese Frage mit einem klaren Ja. Gleichzeitig ordnen dieselben Schriften Nonnen den Mönchen unter und kennen Sätze, die Frauen als Hindernis auf dem Weg beschreiben. Wer sich mit Frauen und Buddhismus beschäftigt, begegnet diesem Widerspruch gleich am Anfang – und er begleitet die Geschichte bis heute.

Anandajoti Bhikkhu · CC BY 2.0 · Wikimedia Commons
Die Grundaussage: Befreiung kennt kein Geschlecht
Im Zentrum der Lehre steht die Befreiung vom Leiden durch Einsicht. Diese Einsicht hängt nach den frühen Lehrreden nicht vom Körper ab, sondern von Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit. Als Ananda, der Vetter und Begleiter des Buddha, nachfragt, ob Frauen die Früchte des Weges bis hin zur Heiligkeit (Arahatschaft) erreichen können, bejaht der Buddha das nach der Überlieferung ausdrücklich. Die Frage war damals keineswegs selbstverständlich: In der brahmanischen Gesellschaft Nordindiens war der Zugang zu religiöser Bildung weitgehend Männern vorbehalten.
Dass die Aussage ernst gemeint war, zeigt die Überlieferung selbst. Die Sammlung der Therīgāthā enthält Lieder von Nonnen, die ihre Befreiung in eigenen Worten beschreiben. Einzelne Frauen werden als herausragend in bestimmten Fähigkeiten genannt, etwa Khemā für Weisheit oder Dhammadinnā für das Erklären der Lehre. In einer Lehrrede des Mittleren Kanons (MN 44) beantwortet Dhammadinnā Fragen zur Meditation so treffend, dass der Buddha ihre Antworten nachträglich bestätigt.
Die Gründung des Nonnenordens
Nach der Überlieferung bat Mahāpajāpatī Gotamī, die Tante und Ziehmutter des Buddha, mehrfach um Aufnahme in den Orden. Zunächst wurde sie abgewiesen. Sie schnitt sich daraufhin mit anderen Frauen das Haar, legte gelbe Gewänder an und folgte dem Buddha zu Fuß bis nach Vesālī. Erst Anandas Fürsprache führte zur Zustimmung – allerdings unter einer Bedingung: der Annahme von acht „schweren Regeln“ (garudhammā).
Spätere Schichten im Text?
Die Forschung liest die Gründungsgeschichte heute meist als gewachsenen Text. Mehrere Beobachtungen sprechen dafür: Manche der acht Regeln setzen Verfahren voraus, die es zum Zeitpunkt der Gründung noch gar nicht gab. Die Aussage, durch die Aufnahme von Frauen werde die Lehre statt tausend nur fünfhundert Jahre bestehen, wirkt wie eine rückblickende Erklärung aus einer Zeit, in der man den Niedergang des Ordens bereits beklagte. Und die Rolle Anandas als Fürsprecher der Frauen wurde auf dem ersten Konzil, so eine andere Überlieferung, ausdrücklich gegen ihn verwendet – ein Hinweis auf Konflikte innerhalb der frühen Mönchsgemeinschaft.
Ob die acht Regeln auf den Buddha selbst zurückgehen, lässt sich nicht mehr klären. Sicher ist nur, dass sie in allen erhaltenen Ordensregeln (Vinaya) in ähnlicher Form stehen und das Verhältnis von Nonnen und Mönchen über Jahrhunderte bestimmten.
Dieselbe Tradition, die Frauen die volle Befreiung zutraut, hat ihnen im Orden einen niedrigeren Platz zugewiesen.
Frauen als Hindernis? Ein zweiter Strang
Neben den positiven Stimmen gibt es Texte, die Frauen vor allem als Versuchung für Mönche beschreiben. Solche Passagen richten sich an zölibatär lebende Männer und sagen mehr über deren Übungsweg als über Frauen an sich. In späteren Schriften des Mahayana taucht zudem die Vorstellung auf, eine Frau könne nicht als Buddha erscheinen und müsse zuvor als Mann wiedergeboren werden. Dem stehen wiederum Mahayana-Texte gegenüber, die genau diese Vorstellung ironisch auflösen: Im Vimalakīrti-Sūtra verwandelt eine Göttin den Mönch Śāriputra kurzerhand in eine Frau, um ihm zu zeigen, dass Geschlecht keine feste Wirklichkeit hat.
Was bleibt für heute
Die Quellen liefern also kein einheitliches Bild. Wer die Ungleichheit rechtfertigen will, findet Belege; wer sie für eine zeitbedingte Zutat hält, findet ebenso viele. Viele heutige Lehrerinnen und Lehrer unterscheiden deshalb zwischen dem Kern der Lehre und den gesellschaftlichen Formen, in denen er überliefert wurde. Wie sich diese Debatte entwickelt hat, zeigt der Beitrag über Feminismus und Buddhismus. Wie es um die volle Ordination von Frauen heute steht, beschreibt Volle Ordination für Frauen.