Feminismus und Buddhismus: ein Gespräch seit fünfzig Jahren
Als der Buddhismus in den 1960er- und 1970er-Jahren im Westen Fuß fasste, traf er auf eine Gesellschaft im Umbruch. Viele Frauen, die zu meditieren begannen, kamen aus der Frauenbewegung. Sie brachten Fragen mit, die in Asien bis dahin kaum öffentlich gestellt worden waren: Warum sind fast alle Lehrer Männer? Warum werden Nonnen schlechter gestellt? Und was bedeutet es, wenn eine Lehre die Leerheit von Geschlecht betont, ihre Institutionen aber männlich geprägt sind?
Rita Gross: eine Neubewertung
Eine der wichtigsten Stimmen war die amerikanische Religionswissenschaftlerin Rita M. Gross (1943–2015), selbst praktizierende Buddhistin in der tibetischen Tradition. Ihr Buch Buddhism After Patriarchy (1993) untersuchte die Geschichte des Buddhismus aus feministischer Sicht und fragte, wie eine Praxis aussehen könnte, die Frauen und Männer gleichermaßen trägt. Ihr Ansatz war dabei keine Abrechnung: Sie argumentierte, dass die zentralen Lehren – Nicht-Selbst, Leerheit, Buddha-Natur – eine Diskriminierung nach Geschlecht gar nicht begründen könnten. Die Ungleichheit sei eine kulturelle Zutat, keine Konsequenz der Lehre.
Wenn es kein festes Selbst gibt, gibt es auch kein festes weibliches oder männliches Selbst – das war der Kern vieler Argumente.
Stimmen aus Asien
Es wäre falsch, die Debatte als westlichen Import zu sehen. Die Gründung von Sakyadhita 1987 in Bodhgaya ging maßgeblich auf asiatische und westliche Nonnen gemeinsam zurück. Frauen wie die Thailänderin Dhammananda oder Nonnen aus Taiwan und Korea brachten eigene Erfahrungen ein: mit fehlender Ausbildung, mit wirtschaftlicher Abhängigkeit, aber auch mit starken Frauenklöstern. Ihre Forderungen waren oft sehr praktisch – Schulen, Unterkünfte, Zugang zu Studiengängen, Anerkennung durch den Staat.
Manche asiatischen Buddhistinnen haben auch darauf hingewiesen, dass westliche Feministinnen die Lage asiatischer Nonnen manchmal einseitig als Unterdrückung beschreiben und dabei übersehen, wie viel Selbstbestimmung manche Frauen gerade im Klosterleben finden.
Die wichtigsten Streitpunkte
Die Lehre selbst als Ressource
Viele Buddhistinnen argumentieren nicht gegen, sondern mit der Tradition. Sie verweisen auf die Lieder der ersten Nonnen, auf die Göttin im Vimalakīrti-Sūtra, die das Geschlecht eines Mönchs vertauscht, oder auf Dōgens Schrift über die Würde von Frauen. Diese Quellen zeigen, dass die Tradition selbst Mittel zur Kritik bereithält.
Andere gehen weiter: Die deutsche Lehrerin Sylvia Wetzel etwa verband in ihrem Buch Das Herz des Lotos (1998) eine Einführung in die buddhistische Praxis mit einer kulturkritischen Analyse der Rolle von Frauen und des Weiblichen. Solche Ansätze fragen nicht nur, ob Frauen gleichberechtigt teilnehmen dürfen, sondern auch, ob sich die Praxis verändert, wenn Frauen sie mitgestalten.
Feminismus als Übung?
Eine interessante Wendung der Diskussion betrifft die Haltung selbst. Buddhistische Feministinnen betonen oft, dass Wut über Ungerechtigkeit berechtigt ist, aber nicht in Hass umschlagen soll. Das Ziel sei nicht, Männer auszuschließen, sondern Strukturen zu verändern – und dabei die eigene Praxis nicht aus den Augen zu verlieren. So wird der Einsatz für Gleichberechtigung selbst Teil des Weges.
Wo die Debatte heute steht
Vieles hat sich verändert: Es gibt mehr Lehrerinnen, Nonnen mit Geshema-Titel, neue Ordinationen in Asien. Zugleich bleibt die Anerkennung in mehreren Ländern aus, und in vielen Gemeinschaften stehen an der Spitze weiterhin Männer. Das Gespräch zwischen Feminismus und Buddhismus ist also nicht abgeschlossen – aber es wird inzwischen von beiden Seiten mit mehr Kenntnis geführt als vor fünfzig Jahren.