Göttinnen, Dakinis und die Mutter der Weisheit
Wer zum ersten Mal einen tibetischen Tempel oder ein chinesisches Kloster betritt, sieht viele weibliche Figuren. Sie werden oft „Göttinnen“ genannt, doch das Wort führt leicht in die Irre. Im Buddhismus sind sie keine Schöpferinnen und keine Herrscherinnen über das Schicksal, sondern Verkörperungen von Qualitäten, die jeder Mensch in sich entwickeln kann: Weisheit, Mitgefühl, Furchtlosigkeit.

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Drei Ebenen des Weiblichen
Es hilft, drei Ebenen zu unterscheiden. Auf der ersten stehen historische Frauen wie die Mutter des Buddha oder die ersten Nonnen. Auf der zweiten erscheinen Bodhisattvas und Schutzgestalten in weiblicher Form. Die dritte Ebene ist symbolisch: Hier steht das Weibliche für Weisheit und für die Offenheit des Geistes selbst.
Prajñāpāramitā – die Mutter aller Buddhas
Prajñāpāramitā bedeutet „Vollkommenheit der Weisheit“. So heißt zunächst eine umfangreiche Gruppe von Mahayana-Schriften, zu der auch das bekannte Herz-Sūtra gehört. In diesen Texten wird die Weisheit, die die Leerheit aller Dinge erkennt, als „Mutter aller Buddhas“ bezeichnet – denn aus ihr gehen alle Erwachten hervor.
Aus dieser Metapher entstand eine Gestalt: eine Frau in Meditationshaltung, oft mit einem Buch – dem Text selbst – auf einer Lotosblüte neben der Schulter. Eine der berühmtesten Darstellungen ist eine Steinfigur aus Java aus dem 13. Jahrhundert, die heute im Nationalmuseum in Jakarta steht. Auch in den Wandmalereien des Klosters Alchi in Ladakh erscheinen Prajñāpāramitā und Tara in großer Pracht.

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Dakinis – Himmelstänzerinnen
Im tantrischen Buddhismus Tibets spielen Dakinis eine wichtige Rolle. Das tibetische Wort Khandro bedeutet „die im Raum Gehende“. Dakinis erscheinen in Legenden als Botinnen, die Meistern entscheidende Hinweise geben – oft unbequem, manchmal zornig, immer unkonventionell. Sie können als Gottheiten verstanden werden, als menschliche Lehrerinnen oder als Bild für die wache, bewegliche Qualität des Geistes. Die Religionswissenschaftlerin Adelheid Herrmann-Pfandt hat diesen Gestalten eine grundlegende Studie gewidmet (siehe Bücher).
Zu den bekanntesten gehört Vajrayoginī, eine rote, tanzende Gestalt, die in mehreren Schulen als Meditationsgottheit geübt wird.
Guanyin – wie Avalokiteshvara weiblich wurde
Avalokiteshvara, der Bodhisattva des Mitgefühls, wird in Indien und Tibet männlich dargestellt – der Dalai Lama gilt als seine Ausstrahlung. In China jedoch wandelte sich die Gestalt: Etwa ab der Song-Zeit wird Guanyin zunehmend als Frau gezeigt, in weißen Gewändern, mit einer Vase voll heilendem Wasser oder mit einem Kind auf dem Arm. Guanyin wurde zu einer der am meisten verehrten Gestalten Ostasiens; in Japan heißt sie Kannon, in Vietnam Quan Âm.
Gestalten, keine Götzen
Tibetische Lehrende betonen, dass die Vorstellung dieser Gestalten in der Meditation dazu dient, sich mit ihren Qualitäten vertraut zu machen – nicht, sie als äußere Mächte anzubeten. Am Ende einer solchen Übung lösen Übende das Bild wieder in Leerheit auf. Für die Frage nach Frauen im Buddhismus sind diese Gestalten dennoch bedeutsam: Sie zeigen, dass höchste Weisheit in weiblicher Form gedacht werden kann. Wie sehr das mit dem Alltag realer Frauen zu tun hat, ist eine andere Frage – der Beitrag über Feminismus und Buddhismus geht ihr nach.
Die bekannteste weibliche Gestalt Tibets hat einen eigenen Beitrag: Tara, die Befreierin.