Der Nonnenorden: Von den ersten Therīs bis zur Linie in Ostasien
Der Orden der Nonnen, der Bhikkhunī-Saṅgha, ist eine der ältesten Frauengemeinschaften der Religionsgeschichte, die bis heute besteht. Seine Geschichte führt von Nordindien über Sri Lanka nach China, Korea und Vietnam – und sie kennt Brüche, deren Folgen Nonnen in manchen Ländern bis heute spüren.
Leben im Orden
Wer in den Orden eintrat, verzichtete auf Besitz, Ehe und Familie. Nonnen lebten wie Mönche von Almosen, trugen geflickte Gewänder und verbrachten die Regenzeit an einem festen Ort. Ihre Ordensregel ist umfangreicher als die der Mönche: Im Pāli-Vinaya der Theravada-Tradition stehen 311 Regeln für Nonnen gegenüber 227 für Mönche, in der ostasiatischen Dharmaguptaka-Fassung sind es 348 gegenüber 250. Viele der zusätzlichen Regeln betreffen den Schutz der Frauen auf Reisen und im Umgang mit Männern – in einer Gesellschaft, in der eine alleinstehende Frau ohne Familie leicht Opfer von Gewalt wurde.
Vor der vollen Ordination steht eine Probezeit von zwei Jahren, in der die Anwärterin als Sikkhamānā sechs Regeln besonders sorgfältig einhält. Diese Stufe gibt es nur für Frauen.
Die Lieder der ersten Nonnen
Das eindrucksvollste Zeugnis dieser frühen Gemeinschaft ist die Therīgāthā, die „Verse der älteren Nonnen“. Die Sammlung gehört zum Kleinen Kanon (Khuddaka Nikāya) des Pāli-Kanons und umfasst 73 Gedichte mit zusammen 522 Strophen. Sie gilt als die älteste bekannte Sammlung von Literatur, die Frauen in Indien zugeschrieben wird.
Die Gedichte handeln selten von abstrakter Lehre. Sie erzählen vom Tod eines Kindes, von einer unglücklichen Ehe, von Armut, vom Altern des eigenen Körpers – und davon, wie sich darin Einsicht öffnete. Eine frühere Kurtisane beschreibt, wie ihre einst gerühmte Schönheit verblasst. Eine Mutter berichtet, wie sie im Wahnsinn der Trauer umherirrte, bis sie Ruhe fand. Viele Lieder enden mit einem Satz, der sinngemäß lautet: Der Geist ist befreit, getan ist, was zu tun war.
Die Therīgāthā ist keine Legendensammlung über Frauen, sondern Dichtung, die Frauen zugeschrieben wird – in der ersten Person, mit eigener Stimme.
Einige der Frauen dieser Lieder stellt der Beitrag Sieben Frauengestalten näher vor.
Der Weg nach Sri Lanka und China
Nach der srilankischen Chronik brachte Saṅghamittā, eine Tochter des indischen Kaisers Ashoka, im 3. Jahrhundert v. Chr. den Nonnenorden nach Sri Lanka. Sie soll dabei einen Ableger des Bodhi-Baums mitgebracht haben, unter dem der Buddha erwacht war. In Anuradhapura entwickelte sich ein großer Nonnenorden.
Von dort führte der Weg weiter nach Osten: In den Jahren 433/434 ordinierten srilankische Nonnen, die per Schiff nach Nanjing gereist waren, chinesische Frauen vor beiden Orden. Damit war in China eine vollständige Ordinationslinie entstanden. Sie besteht ununterbrochen bis heute und wurde nach Korea und Vietnam weitergegeben.
Der Bruch
In Sri Lanka erlosch die Linie der vollordinierten Nonnen um das 11. Jahrhundert, in einer Zeit von Krieg und politischem Zusammenbruch. Auch der Mönchsorden musste damals mit Hilfe aus Myanmar neu begründet werden – für den Nonnenorden geschah das nicht. Da die volle Ordination nach den Regeln die Anwesenheit vollordinierter Nonnen verlangt, galt sie in der Theravada-Welt lange als unmöglich.
In Tibet wiederum kam die Nonnenordination nach der vorherrschenden Überlieferung nie vollständig an. Frauen konnten dort über Jahrhunderte nur die Novizinnenweihe erhalten.
Frauen ohne volle Ordination
Wo es keine Bhikkhunīs gab, entstanden andere Formen: In Sri Lanka leben Dasa-Sil-Mātās mit zehn Regeln, in Thailand Mae Chis in weißen Gewändern, in Myanmar Thilashin in rosafarbenen Roben. Ihre Lebensweise ist oft streng, ihr rechtlicher und wirtschaftlicher Status aber deutlich schwächer als der von Mönchen. Wie sich das seit den 1990er-Jahren verändert, beschreibt der Beitrag Volle Ordination für Frauen.