Frauen im Zen: von Moshan Liaoran bis heute
In den großen Zen-Sammlungen treten fast nur Männer auf: Meister, Mönche, Schüler. Wer genauer hinsieht, findet dennoch Frauen – als Lehrerinnen, die gestandene Mönche sprachlos machen, als Äbtissinnen und als Dichterinnen. Ihre Geschichten wurden seltener aufgeschrieben, aber sie gehören zum Kern der Tradition.

Mugai Nyodai · gemeinfrei · Wikimedia Commons
Moshan Liaoran: der Gipfel ohne Spitze
Im 9. Jahrhundert lebte in China die Nonne Moshan Liaoran. Sie gilt als erste Frau, die in den Überlieferungslinien des Chan – so heißt Zen in China – als Dharma-Erbin verzeichnet ist. Eine berühmte Geschichte erzählt, wie der Mönch Guanxi Zhixian zu ihr kam, um sie zu prüfen. Sie fragte ihn, woher er komme, und wollte dann wissen, warum er „den Berg“ – ihren Namen, Moshan – nicht erreicht habe. Auf seine Frage, was denn der Gipfel des Berges sei, antwortete sie sinngemäß: Er zeigt keinen Gipfel. Guanxi blieb drei Jahre bei ihr als Gärtner und sagte später, er habe von ihr eine halbe Schöpfkelle erhalten – und die andere Hälfte von seinem männlichen Lehrer.
Die Geschichte ist kurz, aber sie dreht die Rollen um: Der Mönch kommt, um zu prüfen, und wird selbst geprüft.
Miaozong: Schülerin eines großen Meisters
In der Song-Zeit lebte Miaozong (1095–1170), eine Enkelin des Kanzlers Su Song. Sie begann das Chan-Studium mit etwa dreißig Jahren als Laienfrau und wurde vom einflussreichen Meister Dahui Zonggao als Dharma-Erbin anerkannt – noch bevor sie Nonne wurde. Dahui erwähnte sie ausdrücklich in seinen Lehrreden, um zu zeigen, dass Frauen das Erwachen ebenso verwirklichen können. Später leitete Miaozong als Äbtissin ein großes Nonnenkloster. Ihre dreiundvierzig Verse zu klassischen Kōans wurden gedruckt und noch Jahrhunderte später gelesen.
Mugai Nyodai und der zerbrochene Eimer
In Japan gilt Mugai Nyodai (1223–1298) als erste Frau, die als Zen-Meisterin anerkannt wurde. Sie war Schülerin des chinesischen Meisters Wuxue Zuyuan in Kamakura und gründete in Kyoto das Kloster Keiaiji, das zu einem Zentrum eines Netzes von Nonnenklöstern wurde.
Die bekannteste Geschichte über sie erzählt, wie sie bei Mondschein Wasser in einem alten Bambuseimer trug. Der Boden des Eimers brach, das Wasser lief aus, das Spiegelbild des Mondes verschwand – und in diesem Moment soll sie erwacht sein. Ein Gedicht, das ihr zugeschrieben wird, spielt sinngemäß mit diesem Bild: kein Wasser mehr, kein Mond im Wasser.
Dōgen und die Würde der Frauen
Der japanische Meister Dōgen, Begründer der Sōtō-Schule, schrieb 1240 den Text Raihai Tokuzui, „Verneigung und Erlangen des Marks“. Darin kritisiert er scharf, dass Frauen von manchen heiligen Orten ausgeschlossen würden, und schreibt sinngemäß: Wer den Dharma verwirklicht hat, verdient Verehrung – ob Mann oder Frau. Spätere Zeiten folgten diesem Grundsatz allerdings nur teilweise.
Zen-Lehrerinnen im Westen
Als Zen im 20. Jahrhundert nach Europa und Nordamerika kam, übernahmen Frauen schnell Verantwortung. Die Engländerin Houn Jiyu-Kennett (1924–1996) wurde in Japan ausgebildet und gründete 1970 in Kalifornien die Shasta Abbey. Charlotte Joko Beck (1917–2011) entwickelte in San Diego einen nüchternen, alltagsnahen Zen-Stil, der ohne viel Zeremonie auskommt. Joan Halifax (geb. 1942) gründete 1990 das Upaya Zen Center in Santa Fe und ist bekannt für ihre Arbeit in der Begleitung Sterbender.
Heute ist es in vielen westlichen Zen-Gruppen selbstverständlich, dass Frauen Sesshin leiten. Einige Gemeinschaften rezitieren inzwischen neben der Liste der männlichen Vorfahren auch die Namen von Frauen der Tradition.